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Ballenberger Jenseitsmedium
Essays

Halloween: Wie tot darf’s denn sein? – Teil II

Ben Ballenberger31. Oktober 20265 Minuten Lesezeit

Du hast dem Tod eine Plastiksense gekauft.

Skelettgestalt in einer goldenen Tür; Schriftzug „Halloween: Wie tot darf’s denn sein? – Halloween Teil II“
Heute steht er vor deiner Tür.

Neun Euro neunundneunzig.

Jetzt steht er neben dem Briefkasten. Seine Augen leuchten rot. Ein Kind bleibt am Gartentor stehen und nimmt die Hand seines Vaters. Als die Figur zum dritten Mal dasselbe Lachen ausstößt, traut es sich näher.

Du reichst ihm Süßigkeiten.

Für diesen Abend hast du alles geregelt. Du bestimmst, wo der Tod steht, wann er sich bewegt und wie laut er sein darf.

Wenn sich jemand zu sehr fürchtet, zeigst du ihm den Schalter.

Ein angenehmer Umgang mit einer unangenehmen Angelegenheit.

Der andere Tod

Der andere Tod braucht wenig Ausstattung.

Ein Telefon. Einen Arzt, der sich setzt. Den Satz: „Du solltest kommen.“

Danach gibt es ein Davor und ein Danach, obwohl zunächst alles aussieht wie vorher.

Im Kühlschrank steht noch der Joghurt, den dieser Mensch immer gegessen hat. Ein Paket wird geliefert. Im Flur hängen seine Jacken, eine davon mit einem Kassenzettel in der Tasche.

Du liest ihn.

Brot. Äpfel. Spülmittel.

Ein ganz gewöhnlicher Einkauf. Jemand ging durch einen Laden und überlegte, was zu Hause fehlte.

Du legst den Zettel zurück.

Irgendwann wirst du entscheiden, was mit diesen Dingen geschieht. Heute schließt du erst einmal die Tür.

Niemand hatte dir gesagt, wie viele gewöhnliche Dinge einen Menschen überleben.

Petroleumfarbene Jacke an einem Haken neben einer angelehnten Tür
Die Jacke hängt noch da.

Halloween und Jenseitskontakte: Sehnsucht und Zweifel

Vielleicht hast du irgendwann einen Jenseitskontakt gesucht. Vielleicht fragst du dich bisher nur, wie es wäre.

Du möchtest wissen, ob der Mensch, den du vermisst, auf irgendeine Weise noch existiert. Ob die letzte Begegnung wirklich die letzte war.

Du liest etwas darüber, legst das Telefon weg, suchst an einem anderen Abend weiter. Schon der Gedanke, einen Termin zu vereinbaren, fühlt sich seltsam an.

Was würdest du dort erwarten?

Was müsste geschehen, damit du nicht nur hoffst?

Du möchtest dir nichts einreden lassen. Du kennst deine Sehnsucht. Und du weißt, wie bereitwillig du vermutlich zuhören würdest, wenn jemand behauptete, dir etwas von diesem Menschen sagen zu können.

Du hoffst auf einen solchen Augenblick.

Du fürchtest, dich darin zu täuschen.

Beides würdest du mitbringen.

Stell dir vor, du sitzt in diesem Raum.

Vor dir steht ein Glas Wasser. Deine Hände liegen auf dem Tisch. Jemand spricht.

Manche Aussagen sagen dir nichts. Dann fällt ein Satz, der dich an eine Eigenart des Verstorbenen erinnert. An etwas, worüber ihr euch gestritten und später gelacht habt.

Plötzlich ist ein bestimmter Nachmittag wieder da. Du weißt noch, wo ihr gesessen habt.

Für einen Moment möchtest du dich zu ihm umdrehen.

Du schaust auf das Glas.

Draußen fährt ein Lieferwagen vorbei.

Die Welt besitzt die Unverschämtheit, einfach weiterzumachen.

Halb gefülltes Wasserglas neben der Hand eines sitzenden Menschen, draußen fährt ein Lieferwagen vorbei
Drinnen trifft dich ein Satz. Draußen fährt ein Lieferwagen vorbei.

Berührt sein und trotzdem genau hinsehen

Später gehst du die Sitzung noch einmal durch.

Was wurde tatsächlich gesagt? Wie genau war es? Welche Informationen könnten dem Medium vorher zugänglich gewesen sein? Was hast du selbst ergänzt? Und welche Aussagen haben nicht gepasst?

Auch sie gehören dazu.

Manches erscheint dir beim zweiten Hinsehen weniger erstaunlich. Bei anderem bleibst du hängen. Du überlegst, welche Erklärungen infrage kommen.

Die Stärke deiner Empfindung kann diese Fragen nicht entscheiden.

Du darfst berührt sein und trotzdem sorgfältig hinsehen.

Vielleicht bleibt etwas offen. Dass du es nicht erklären kannst, beweist noch keinen Kontakt zu einem Verstorbenen. Es bedeutet aber auch nicht, dass du so tun musst, als hätte dich der Augenblick nicht berührt.

Vor deiner Tür lacht die Figur wieder los.

Du hörst es durch die geschlossene Tür. Ein mechanisches Geräusch, immer gleich. Gleich werden Kinder klingeln.

Für einen Moment bleibst du sitzen.

Wenn sich die Sicht auf den Tod verändert

Was wäre, wenn deine Vorstellung vom Tod unvollständig wäre?

Der Mensch würde dir weiterhin fehlen. Du könntest ihn nicht anrufen. Sein Platz am Tisch wäre noch immer leer.

Doch vielleicht würdest du anders an ihn denken. Vielleicht bekäme neben seinem Ende auch das gemeinsame Leben wieder mehr Raum.

Und vielleicht würde sich etwas an deiner Angst verändern.

Du kennst die Sorge um Menschen, die dir viel bedeuten. Manchmal sitzt sie schon mit am Tisch, während ihr noch einen schönen Abend habt. Du siehst den anderen lachen und denkst plötzlich daran, dass du ihn verlieren könntest.

Dann ist er da, und du vermisst ihn beinahe schon.

Eine andere Sicht auf den Tod würde dir keine Sicherheit geben, dass niemand mehr stirbt. Aber womöglich würde sie verändern, wie du diese Unsicherheit aushältst.

Schon diese Möglichkeit kann dich beschäftigen.

Darin liegt die Gefahr, auf die dich kein Plastikskelett vorbereitet.

Du fragst nach einem verstorbenen Menschen. Und gerätst womöglich an eine Vorstellung, mit der du dein eigenes Leben eingerichtet hast.

Du kannst dir Zeit nehmen, sie zu überprüfen. Eine Sitzung verpflichtet dich zu keiner neuen Überzeugung. Und niemand, der dir einen berührenden Augenblick vermittelt, erhält damit das Recht, über dein Leben zu bestimmen.

Aber die Frage ist jetzt da.

Ein Skelett im Vorgarten lässt sich morgen wegräumen.

Eine Frage, die dich erreicht hat, bleibt.

Es klingelt.

Zwei kleine Gestalten halten ihre Beutel auf. Eine Maske sitzt schief. Du verteilst die restlichen Süßigkeiten und winkst den Kindern nach.

Später schaltest du die roten Augen aus.

Du stellst ein Glas in die Spüle, prüfst die Haustür und gehst noch einmal durch den Flur.

Alles steht an seinem Platz.

Im Haus ist es still.

Du merkst, dass du noch nicht schlafen möchtest.

Halloween-Trilogie
  1. Der Tod kommt näher
  2. Wie tot darf’s denn sein?
  3. Morgen ist immer noch dein Leben erscheint am 1. November
Ben Ballenberger

Ben Ballenberger

Jenseitsmedium nach englischem Spiritualismus. „Medialität ist nicht, wer ich bin – sie ist, wie ich dir diene.“

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