Im Supermarkt steht der Tod zwischen Süßigkeiten und Gartenbedarf.

Er ist zusammenfaltbar, knapp einen Meter achtzig groß und braucht drei Batterien. Wenn du an ihm vorbeigehst, lacht er.
Du bleibst stehen. Drückst noch einmal auf den Knopf.
So gefällt er dir.
In ein paar Tagen wirst du ihn vor deine Haustür stellen. Daneben einen Kürbis und zwei Grabsteine aus Styropor. Du wirst einen Schritt zurückgehen und überlegen, ob das schon zu viel ist.
Dann rückst du einen der Grabsteine etwas nach links.
Der Tod darf näher kommen.
Du hast schließlich die Verpackung aufgehoben.
Der Schrecken mit Öffnungszeiten
Halloween besitzt einen beruhigenden Vorzug: Du weißt vorher, wann es vorbei ist.
Der Schrecken hat Öffnungszeiten. Kinder klingeln, jemand verliert einen Vampirzahn, auf dem Gehweg klebt Schokolade. Später schaltest du alles aus. Falls nötig, nimmst du die Batterien heraus.
Mit dem Tod, den du kennst, geht das nicht.
Vielleicht fehlt bei Familienfeiern jemand, dessen Platz längst anders besetzt ist. Alle sind ein wenig zusammengerückt. Du siehst die Lücke trotzdem.
Vielleicht gibt es ein Rezept, das dir nicht mehr gelingt. Auf dem Zettel steht alles. Du hast dich genau daran gehalten. Trotzdem fehlt etwas, und du weißt nicht, wen du danach fragen sollst.
Manchmal greifst du zum Telefon, um eine Kleinigkeit zu erzählen. Erst während du nach dem Namen suchst, fällt es dir wieder ein.
Die Hand weiß etwas noch nicht, das der Kopf längst verstanden hat.
An den meisten Tagen kommst du zurecht. Du arbeitest, lachst, ärgerst dich über eine Rechnung. Der Verlust beansprucht nicht jede Stunde. Dann hörst du im Radio ein Lied, das du jahrelang nicht gehört hast.
Und stehst wieder in dieser Küche.

Die Angst vor dem Tod und das Wort „später“
Über den eigenen Tod lässt sich erstaunlich lange sprechen, ohne ihn wirklich zu meinen.
„Irgendwann müssen wir alle gehen“, sagst du und schenkst Wein nach.
Die anderen nicken. Jemand erzählt von einem Kollegen, der viel zu früh gestorben ist. Ihr seid euch einig, dass man mehr aus seinem Leben machen müsste.
Dann fragt jemand nach dem Nachtisch.
Es ist ein gewöhnlicher Abend. Ihr mögt euch. Morgen müsst ihr früh aufstehen. Niemand kann bei jedem Essen sein ganzes Leben überprüfen.
Du hast Pläne. Für Weihnachten, für den nächsten Sommer, für die Zeit, in der endlich weniger zu tun sein wird. Du buchst einen Urlaub. Du pflanzt etwas, das erst in Jahren Schatten geben wird.
Du rechnest damit, da zu sein.
So lässt sich leben.
Nur manches bekommt zwischen all diesen Plänen keinen Platz. Ausgerechnet das, von dem du sagst, es sei dir wichtig.
Wenn dieses Projekt vorbei ist, rufst du an. Nach den Ferien fährst du hin. Wenn sich eine passende Gelegenheit ergibt, wirst du endlich darüber sprechen.
Später.
Das Wort verlangt zunächst nichts von dir. Du musst weder absagen noch anfangen. Es hält eine Möglichkeit offen, ohne dass du dich bewegen musst.
Dabei hast du keinen einzigen Tag angespart.
Halloween und der wirkliche Tod
In den Schaufenstern hängen inzwischen Spinnweben. Ein Café verkauft Kekse in Sargform. Du beißt einem Gespenst den Kopf ab, während du auf deinen Kaffee wartest.
Für ein paar Tage lässt sich der Tod anfassen, aufhängen und mit Zuckerguss verzieren.
Der wirkliche Tod bleibt unhandlich. Schon der Versuch, ihn auf das eigene Leben zu beziehen, verändert die Sätze.
Du wirst Menschen verlieren.
Menschen werden dich verlieren.
Und etwas wird offenbleiben. Eine Frage, die niemand mehr beantworten kann. Ein Gespräch, für das ihr beide zu müde wart. Ein Satz, von dem du dachtest, der andere müsse ihn doch auch ohne Worte kennen.
Kein Mensch kann jeden Abschied zu Ende führen. Manche Trennung war notwendig. Manche Versöhnung lag nie allein in deiner Hand.
Aber vielleicht gibt es diesen einen Menschen, den du vermisst, obwohl er noch lebt.
Ihr habt euch nichts Schreckliches angetan. Ihr habt nur beide viel zu tun. Aus einer Woche wurde ein Monat. Inzwischen kommt dir ein Anruf beinahe erklärungsbedürftig vor.
Du möchtest dir Zeit dafür nehmen. Richtig Zeit.
Also wartest du weiter.
Die Fragen einmal ausreden lassen
Vor deiner Haustür wird bald ein Skelett stehen. Vielleicht bleibt ein Nachbar stehen und fragt, wo du es gekauft hast.
Du wirst es ihm sagen. Ihr werdet über den Preis sprechen und darüber, ob es Regen verträgt.
Dass du manchmal noch von einem verstorbenen Menschen träumst, wirst du wahrscheinlich nicht erzählen. Auch nicht, wie vertraut er dir dabei vorkommt. Wie seltsam es ist, aufzuwachen und ihn ein zweites Mal zu vermissen.
Was bleibt von einem Menschen?
Warum fühlt sich jemand gelegentlich so nah an, obwohl du genau weißt, dass er gestorben ist?
Vielleicht hast du eine Erklärung dafür. Vielleicht hilft sie dir. Vielleicht bleibt trotzdem eine Frage übrig.
Du musst heute keine Antwort finden.
Aber du könntest die Fragen einmal ausreden lassen.

In ein paar Tagen stellst du das Skelett vor die Tür. Du setzt die Batterien ein und prüfst, ob es funktioniert. Die Augen leuchten rot. Das Lachen ist etwas zu laut.
Dann gehst du wieder hinein.
Dort liegt dein Telefon.
Der Mensch, den du seit Wochen anrufen möchtest, lebt noch.
- Der Tod kommt näher
- Wie tot darf’s denn sein? erscheint am 31. Oktober
- Morgen ist immer noch dein Leben erscheint am 1. November

Ben Ballenberger
Jenseitsmedium nach englischem Spiritualismus. „Medialität ist nicht, wer ich bin – sie ist, wie ich dir diene.“
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